Ich sah den Herbst

»Ich sah den Wald sich färben,
Die Luft war grau und stumm;
Mir war betrübt zum Sterben,
Und wußt' es kaum, warum.

Durchs Feld vom Herbstgestäude
Hertrieb das dürre Laub;
Da dacht' ich: deine Freude
Ward so des Windes Raub.

Dein Lenz, der blütenvolle,
Dein reicher Sommer schwand;
An die gefrorne Scholle
Bist du nun festgebannt.

Da plötzlich floß ein klares
Getön in Lüften hoch:
Ein Wandervogel war es,
Der nach dem Süden zog.

Ach, wie der Schlag der Schwingen,
Das Lied ins Ohr mir kam,
Fühlt' ich's wie Trost mir dringen
Zum Herzen wundersam.

Es mahnt' aus heller Kehle
Mich ja der flücht'ge Gast:
Vergiß, o Menschenseele,
Nicht, daß du Flügel hast!«

Emanuel Geibel (1815-1884)
Ich sah den Herbst sich färben

Zitiert nach
gutenberg.spiegel.de

Aufnahmedatum: 19. November 2017
Location: Aasee, Münster
und Kiesekamps Busch
Geodaten: 51.941559, 7.590778
Kamera: Sony RX10 III
Bildnachbearbeitung: PhotoScape
Filter: Ölmalerei, Radius 8